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Vortrag 1: Andre Wolf, mimikama: Kontern gegen Fake und Hass

Vortrag 1 Andre Wolf von Mimikama auf dem Safer Internet Day 2020 in Stuttgart | Foto: Christian Reinhold

Fakt oder Fake?

Fakt oder Fake? Wer kann das richtig beurteilen? Viele Jugendliche, aber auch Erwachsene können häufig nicht zwischen Wahrheit von Falschmeldung im Netz unterscheiden. Was also tun, wenn Gerüchte auftauchen, Hassbotschaften große Kreise ziehen und Ängste schüren? Für solche Fälle bietet Mimikama eine professionelle Anlaufstelle. Der Verein zur Aufklärung gegen Internetmissbrauch mit Sitz in Wien hat sich auf die Detektivarbeit im Internet spezialisiert. Mimikama recherchiert, spürt auf und stellt klar.

Faktenchecker durchkämmen das Netz

Um Falschmeldungen und Hassbotschaften zu entlarven, müssen die Nachrichtenjäger häufig im Schlick des Social Media stöbern bis sie die entscheidenden Beweise gefunden haben. Die Faktenchecker um das Team von Andre Wolf und Tom Wannenmacher nutzen Suchmaschinen, eine breite Community und Behördenkontakte. Häufig stehen sie auch in Kooperation mit der Polizei. Sie prüfen Nutzeranfragen, nehmen dubiose Meldungen ins Visier und analysieren Fotos auf ihre Echtheit. Außerdem kümmern sie sich um lästige Spam-Anfragen und untersuchen verdächtige Dateien auf Schadsoftware wie Viren und Trojaner.

Manchmal ist ein Fake schnell aufgedeckt – das zeigt die Erfolgsbilanz: In den letzten neun Jahren veröffentlichte Mimikama rund 17.000 Artikel über Falschmeldungen, die die Internetfahnder aufklären konnten. Manchmal ist der Job aber auch mühsam, langwierig und zermürbend und der Kampf gegen Hetze und Hass zieht sich über Jahre hin. Das zeigt der Fall Mario R.:

Die Internetjäger hatten sich in den Jahren 2015 bis 2018 an die Fersen des Rechtsextremisten Mario R. aus Erfurt gehängt und wurden dabei zeitweise selbst zum Opfer von Hass und Denunziation. Anlässlich des Safer Internet Days 2020 „Kontern gegen Fake und Hass“ in Stuttgart, berichtete Andre Wolf (Mimikama) erstmals ausführlich in seinem Vortrag über diesen Fall.

Der Fall Mario R.

Es begann im Jahr 2015, als auf Facebook eine Seite mit dem Namen Anonymous.Kollektiv (AK) auftauchte, über die viele rassistische Parolen publiziert wurden. In kurzer Zeit hatte die Seite über zwei Millionen Leserinnen und Leser erreicht. Wenig später erschien auf derselben Seite ein Foto mit Angela Merkel, das die Kanzlerin beim Selfie mit einem Migranten zeigte. Anonymous.Kollektiv hetzte damals mit der Lüge: „Kanzlerin beim Selfie mit Attentäter von Brüssel", berichtet Andre Wolf. Nun war die Neugierde bei Mimikama geweckt und das Team begann zu recherchieren. Sehr schnell war ihnen klar: Mit dem linken Hacker-Kollektiv Anonymous, (das sich gegen Internetzensur richtet), hatte die Seite nur den Namen gemein. Tatsächlich verbarg sich hinter Anonymous.Kollektiv der Rechtsextremist Mario R. aus Erfurt. Mimikama berichtete darüber online, worauf sich der angebliche Rechtsanwalt von Mario R. einschaltete und die sofortige Löschung der Artikel erzwang. Andre Wolf und Thomas Wannenmacher blieben am Ball.

„Wir wollten einfach wissen, wer so viel Hass verbreitet und so eine große Community anstachelt“, erzählt Wolf im Haus der Wirtschaft.

Recherche im Untergrund

Von nun an recherchierte Mimikama auch im Untergrund und nahm zu den echten Netzaktivisten von Anonymous, (bekannt als internationale Hacker-Gruppe), die die Maske des Märtyrers Guy Fawkes als Symbol trägt), Kontakt auf. Angeblich waren diese „stinksauer“, berichtet Wolf, weil der Name Anonymous für rechte Hasstiraden missbraucht worden war.

Zwischenzeitlich verkaufte Mario R. über Facebook Waffen und forderte öffentlich seine Leserinnen und Leser auf, sich zum Schutz vor Migranten zu bewaffnen. Er gründete den rechten Online-Shop „Migrantenschreck“, registrierte ihn auf seinen Namen und bot über diese Plattform illegal Waffen zum Verkauf an. Mimikama informierte die Polizei und Facebook.

Die Seite wurde gelöscht, Mario R. verlor zwei Millionen Follower und die Einnahmen aus dem Waffenhandel brachen zusammen. Nachdem er sich nach Ungarn abgesetzt hatte, gründete er die neue Seite Anonymousnews.ru, denn in Russland schien sich niemand an seinen Einstellungen zu stören. Von nun an kam noch mehr Hass ins Spiel, der sich gezielt gegen Mimikama richtete. Mario R. wollte den Spieß umdrehen und setzte die Namen von Wolf und Wannenmacher ins Impressum von „Migrantenschreck“, so als ob Mimikama die Inhaber des Waffenhandels gewesen wären. Außerdem veröffentlichte Mario R. angebliche, illegale Zahlungen an Mimikama und versuchte mit diversen Tricks den Verein auf Social Media zu denunzieren. Anwälte schalteten sich ein, eine Hausdurchsuchung im Büro von Mimikama folgte durch die Staatspolizei. Im Jahr 2017 wehrte sich der Verein und schaltete selbst die Polizei ein.

„Plötzlich waren alle Zugangsdaten über Google einsehbar“

Glücklicherweise machte Mario R. mehrere Fehler. Er hatte alle seine Zugänge in einer Textdatei auf dem eigenen Server gespeichert. Über eine Sicherheitslücke bekamen Dritte Zugriff auf die Datenbank der Bestellungen und der Waffenkäufer. Wulf vermutet, dass echte Anonymous-Leute den Server von Mario R. gehackt hatten. Nun waren alle seine Zugangsdaten über die Google-Suche öffentlich einsehbar. Mimikama reichte die Daten an die Polizei weiter. Nun war endlich die Beweislast da, um gegen ihn vorzugehen. Im März 2018 wurde er in Ungarn verhaftet, kurz nachdem er einen Hass-Post abgesetzt hatte. Er wurde nach Berlin überstellt und zu drei Jahren Haft wegen illegalem Waffenhandel verurteilt. Die Seite „Migrantenschreck“ wurde aufgelöst und die Kunden einzeln von der Polizei verfolgt. Mimikama veröffentlichte 14 Artikel zu Anonymous.Kollektiv und trug dabei wesentlich zur Aufklärung des Falls bei.

Was lernen wir daraus?

Den Begriff „Soziale Netzwerke“ verwendet Wulf aus Überzeugung nicht, denn für ihn habe Social Media nichts Soziales. Lieber vergleiche er Social Media mit der griechischen Agora, einem Versammlungsplatz, nur eben digital. Die Menschen kommen von überall her, sie treffen sich, tauschen sich aus, verkaufen Produkte, diskutieren und streiten.

Mit Social Media habe sich vieles verändert, meint Wulf. Früher gab es einige wenige Fernseh- und Radiosensender und Journalisten achteten darauf, dass alles was gesendet wurde, eine gewisse Relevanz hatte und der Wahrheit entsprach. Von der Leserschaft kam tendenziell eher wenig Resonanz. „Man konnte einen Brief an den Intendanten schreiben und das war es dann auch“, meint Wolf. Journalisten hatten eine wichtige Gatekeeper-Funktion. Auf Sozial Media prüft niemand mehr, was relevant und wahr ist. Das müssen wir Leser nun selbst machen. Jeder von uns ist potentieller Sender und Empfänger und jeder von uns hat auch die Möglichkeit zu reagieren, z.B. über Posts und Kommentare. Das sei zwar ein tolles Kommunikationsinstrument, andererseits berge es auch die Gefahr von Fake und Manipulation. Wichtig sei es deswegen, aufzuklären und gegen Fakes vorzugehen, denn Falschmeldungen schüren bekanntlich Hass. „Es ist unser Netz. Wir alle nehmen daran teil und wir alle selbst haben die Macht, daran etwas zu formen.“

Mimikama

Anonymous.Kollektiv: Die ganze Mimikama Geschichte (Teil 1 bis Teil 14)

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Text: Ulrike Boscher

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