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Forum 4: Dr. Ruth Festl und Anja Franz: Wie ein achtsamer Umgang mit Medien gelingen kann

Forum 4 Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Forums „Nett im Internet – achtsame Mediennutzung und wie das gelingen kann. Handybett und andere Methoden“ vom Safer Internet Day 2020. | Foto: Christian Reinhold

Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis werben für eine aktive Medienerziehung

Mit der Kommunikationsforscherin Dr. Ruth Festl vom Institut für Wissensmedien Tübingen und Anja Franz, zuständig für den Jugendmedienschutz am Landesmedienzentrum (LMZ), beleuchteten zwei Expertinnen das breite Feld des Medienkonsums aus der wissenschaftlichen und praktischen Perspektive. Ihr Thema des Forums am Nachmittag: „Nett im Internet – achtsame Mediennutzung und wie das gelingen kann. Handybett und andere Methoden“.

Permanent online, permanent verbunden – welche Auswirkungen hat dieser Medienkonsum auf junge Menschen? Mit Antworten und Beispielen auf diese Frage stimmt Festl ihre Zuhörer beim Safer Internet Day 2020 auf ihren Vortrag ein. Besonders wichtig ist ihr als Wissenschaftlerin die wertfreie Betrachtung. So hat beispielsweise die digitale Erreichbarkeit, die zulasten einer räumlichen Nähe entstehen kann, nicht ausschließlich negative Effekte auf alltägliche Beziehungen. Anhand Untersuchungen mit Kindern aus Trennungsfamilien, an der Festl beteiligt war, lässt sich erkennen, dass in der räumlich entkoppelten Kommunikation auch Chancen liegen. „Das Smartphone kann Kindern von getrenntlebenden Eltern die Möglichkeit eröffnen, eigenständigen Kontakt zu den Elternteilen aufzubauen und damit Konflikten aus dem Weg zu gehen“, erklärt Festl.

Potenziale und Gefahren der mobilen Kommunikation

Smartphones in ihrer Funktion auf die bloße Unterhaltung zu reduzieren greift häufig zu kurz, weiß Ruth. Ob Kontaktpflege zur Familie, Organisation des Alltags oder Informationsrecherche – zahllose Hilfsmittel in Gestalt verschiedener Apps erleichtern das Leben vieler. Doch ist das „Dabeisein“ in der digitalen Welt wirklich freie Entscheidung eines jeden einzelnen? Festl formuliert Kritik und stellt den Potenzialen des „always on“ auch Gefahren gegenüber: „Wenn man nicht teilnimmt, ist man häufig automatisch ausgegrenzt. Klassengruppen auf WhatApp beispielsweise können durchaus auch sozialen Druck erzeugen“, so Festl. Kritisch bewertet Festl nicht nur die Schattenseiten der digitalen Kommunikationswelt, sondern auch die Berichterstattung darüber in den Medien. Meist, so Festl, erfahren negative Schlagzeilen die größte Aufmerksamkeit. Darüber ärgert sie sich, denn „selbst handwerklich schlecht gemachte Studien finden häufig große Verbreitung, während positive Themen kaum Beachtung finden“. Zurückzuführen ist dies auf den gesteigerten Nachrichtenwert, der bei negativen Berichten höhere Klickzahlen verspricht.

Achtsamkeit im Medienalltag

Ein Aspekt, den im Anschluss an Ruth Festl auch Anja Franz vom Landesmedienzentrum in ihrem Vortrag aufgreift, beschreibt die Angst junger Menschen, etwas zu verpassen (engl. „Fear of missing out“). Dieses Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, teilen viele Kinder und Jugendliche. Um diesem Wettlauf der Erreichbarkeit entkommen zu können, wird ein achtsamer Medienkonsum immer wichtiger. Das Fokussieren auf den aktuellen Moment mit allen Gedanken, Emotionen und Sinneseindrücke helfe dabei, die eigenen Gedanken und Gefühle besser kennenzulernen, erklärt Franz. Eltern und deren Umgang mit Medien spielen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung ihrer Kinder. Denn neben der Schule und dem Freundeskreis sind sie es, die Wertvorstellungen und Verhaltensweisen maßgeblich prägen. „Eltern müssen Vorbilder sein!“, appelliert Franz. Dies betrifft neben der eigenen Mediennutzung, die sich Kinder häufig bei ihren Eltern abschauen, auch das ehrliche Interesse der Eltern an den virtuellen Welten ihrer Kinder. „Dadurch fühlen sich Kinder ernst genommen und kommen mit ihren Eltern ins Gespräch“, so Franz. Denn nur wer weiß, was das Kind am Bildschirm macht, kann sinnvoll begleiten und ist Ansprechpartner bei Problemen.

Wenn das Handy schlafen geht

Dass permanenter Zugang zu Medien zu unreflektiertem Konsum führen kann, darüber haben auch die Entwickler der Auerbach Stiftung nachgedacht. Herausgekommen ist das „Handybett“. Das Miniaturbett aus Pappe soll Kindern und Eltern das bewusste Abschalten des mobilen Geräts zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten vermitteln. Zum Beispiel beim Spielen mit anderen Kindern, während der Erledigung der Hausaufgaben, beim gemeinsamen Essen und natürlich nachts. „Wichtig ist uns besonders der pädagogische Rahmen des Handybetts“, kommentiert Franz. Darum entwickelte das LMZ ein Unterrichtsmodul in Kooperation mit der Initiatorin des Projektes, der Auerbach-Stiftung. Dabei reflektieren Kinder spielerisch, was ihnen am Handykonsum besonders gefällt und was weniger. Anja Franz ist sich sicher: „Durch den achtsamen Umgang lernen Kinder viel mehr als nur das Handy zur Seite zu legen. Das Leben im Hier und Jetzt kann häufig eine äußerst positive und befreiende Wirkung haben.“

Text: Wolfgang Kuhnle

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